Eulen Apotheke

Medikament vergessen: Was bei einer ausgelassenen Dosis zu beachten ist

Eine Tablette vergessen – und jetzt?

Die morgendliche Tablette liegt am Nachmittag noch auf dem Tisch. Oder der Blick auf den Blister lässt nicht mehr erkennen, ob die heutige Dosis bereits genommen wurde. Solche Situationen passieren schnell – besonders dann, wenn mehrere Medikamente zu verschiedenen Tageszeiten eingenommen werden.

Der naheliegende Gedanke ist oft, die versäumte Einnahme einfach nachzuholen. Genau das ist aber nicht bei jedem Medikament richtig. Entscheidend ist zunächst, welches Präparat betroffen ist, wie spät die Einnahme ist und wann die nächste Dosis vorgesehen wäre.

Zuerst das konkrete Medikament prüfen

Bevor etwas nachgenommen wird, sollten Name, Wirkstärke und Einnahmeplan klar sein. Bei einer einmal täglich eingenommenen Tablette kann die Situation völlig anders zu beurteilen sein als bei einem Arzneimittel, das drei- oder viermal am Tag angewendet wird. Auch Medikamente mit einem festen wöchentlichen Einnahmetag brauchen eigene Regeln.

Der erste Blick gehört deshalb in die Packungsbeilage. Unter den Hinweisen zur Anwendung findet sich bei vielen Präparaten ein eigener Abschnitt dazu, was nach einer vergessenen Einnahme zu tun ist.

Nicht automatisch nachholen: Eine vergessene Dosis sollte nicht grundsätzlich durch eine zusätzliche oder doppelte Einnahme ausgeglichen werden. Maßgeblich sind die Hinweise für das konkrete Arzneimittel.

Drei typische Situationen nach einer vergessenen Einnahme

Die Einnahme wurde erst kurze Zeit später bemerkt

Manchmal fällt der Fehler schon kurze Zeit nach dem vorgesehenen Termin auf. Für viele Medikamente ist eine geringe Verzögerung weniger problematisch als eine vollständig ausgelassene Dosis. Daraus lässt sich aber keine feste Stundenregel für alle Arzneimittel ableiten.

Ob die Tablette noch genommen werden kann, hängt unter anderem davon ab, wie häufig sie normalerweise eingenommen wird und wie weit die nächste Dosis entfernt ist.

Die nächste Dosis steht bereits bald an

Je näher der nächste reguläre Einnahmezeitpunkt rückt, desto wichtiger wird der Abstand zwischen den Dosen. Werden zwei Dosen zu dicht hintereinander eingenommen, kann die Wirkstoffmenge im Körper vorübergehend höher sein als vorgesehen. Dadurch können Nebenwirkungen wahrscheinlicher werden.

In dieser Situation sollte nicht versucht werden, den ursprünglichen Plan um jeden Preis wieder „aufzuholen“. Die konkrete Anleitung in der Packungsbeilage ist hier wichtiger als eine allgemeine Empfehlung aus dem Internet.

Mehrere Einnahmen wurden ausgelassen

Wenn nicht nur eine einzelne Dosis, sondern mehrere Einnahmen hintereinander fehlen, verändert sich die Situation. Es ist dann meist keine gute Idee, die versäumten Mengen nachträglich zu kompensieren.

Bei einer länger unterbrochenen Dauermedikation kann stattdessen eine individuelle Rücksprache notwendig werden. Das gilt besonders für Medikamente, deren Wirkung von einer kontinuierlichen Einnahme abhängt oder die nach längerer Anwendung nicht abrupt verändert werden sollten.

Bei manchen Medikamenten ist besondere Vorsicht nötig

Nicht jede vergessene Tablette hat dieselbe medizinische Bedeutung. Bei einigen Wirkstoffen kann ein ausgelassener oder stark verspäteter Einnahmezeitpunkt schneller Folgen haben.

Besonders aufmerksam sollte man unter anderem bei folgenden Arzneimittelgruppen sein:

  • Insulin und bestimmten anderen Diabetesmedikamenten,
  • Gerinnungshemmern,
  • Antiepileptika,
  • Immunsuppressiva,
  • bestimmten Herzmedikamenten,
  • Arzneimitteln mit ungewöhnlichen Einnahmeintervallen, zum Beispiel einmal wöchentlich.

Der NHS Specialist Pharmacy Service führt solche Präparate ausdrücklich als Beispiele für Medikamente auf, bei denen eigene Regeln für verspätete oder ausgelassene Dosen gelten können. Dazu gehören unter anderem Insulin, Warfarin, Antiepileptika und einmal wöchentlich eingenommenes Methotrexat.

Wer eines dieser Medikamente verwendet, sollte möglichst schon bei Beginn der Therapie wissen, wie im Fall einer vergessenen Einnahme vorzugehen ist.

Unsicher, ob die Tablette überhaupt genommen wurde

Diese Situation ist oft unangenehmer als eine eindeutig vergessene Dosis: Man erinnert sich schlicht nicht mehr, ob die Tablette morgens eingenommen wurde.

Bevor vorsichtshalber noch eine genommen wird, lohnt sich ein Blick auf den Blister oder eine verwendete Dosierbox. Wer die Einnahmen dokumentiert, kann zusätzlich dort nachsehen. Lässt sich die Situation trotzdem nicht klären, sollte bei einem Medikament mit relevantem Überdosierungsrisiko nicht geraten werden.

Eine zweite Dosis „zur Sicherheit“ kann sonst genau zu dem Fehler führen, den man eigentlich vermeiden wollte.

Versehentlich zweimal eingenommen

Eine doppelte Einnahme ist eine andere Situation als eine vergessene Dosis. Wie problematisch sie ist, hängt vom Wirkstoff, der Stärke und der tatsächlich aufgenommenen Menge ab.

Wer bemerkt, dass ein Medikament zweimal genommen wurde, sollte die Packung bereithalten und möglichst genau wissen, wann und wie viel eingenommen wurde. Bei Arzneimitteln mit engem therapeutischem Bereich, stärkeren Nebenwirkungen oder deutlichen Beschwerden sollte rasch medizinischer beziehungsweise pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Der weitere Einnahmeplan sollte danach nicht eigenständig verschoben oder verkürzt werden, solange nicht klar ist, wie mit der zusätzlichen Dosis umzugehen ist.

Einnahmefehler im Alltag vermeiden

Je komplizierter ein Medikamentenplan wird, desto leichter kann eine Dosis vergessen oder doppelt genommen werden. Schon einfache Hilfsmittel können hier viel verändern.

  • Medikamente mit einer festen täglichen Routine verbinden,
  • Erinnerungen auf dem Smartphone einstellen,
  • erfolgte Einnahmen abhaken,
  • einen aktuellen Medikationsplan verwenden,
  • eine geeignete Dosierhilfe nutzen, wenn das Arzneimittel dafür geeignet ist.

Der bundeseinheitliche Medikationsplan enthält die regelmäßig verwendeten Arzneimittel, Wirkstoffe und Angaben zur Einnahme. Gesetzlich Versicherte haben unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch darauf, wenn mindestens drei systemisch wirkende Medikamente über mindestens 28 Tage verordnet werden.

Eine Dosierbox ist trotzdem nicht für jedes Präparat automatisch geeignet. Manche Medikamente sollten bis zur Anwendung in ihrer Originalverpackung bleiben, etwa weil sie besonders empfindlich gegenüber Feuchtigkeit oder Licht sind.

Wenn mehrere Personen Medikamente geben

Bei Kindern, älteren Menschen oder pflegebedürftigen Angehörigen entsteht zusätzlich das Risiko, dass zwei Personen unabhängig voneinander dieselbe Dosis geben.

Hier hilft vor allem eine klare Dokumentation: welches Medikament, welche Dosis, welche Uhrzeit und wer es gegeben hat. Das klingt banal, verhindert aber genau jene Situationen, in denen später niemand mehr sicher weiß, was bereits eingenommen wurde.

Medikationsberatung bei wiederkehrenden Problemen

Wer regelmäßig Einnahmen vergisst oder bei mehreren Präparaten zunehmend den Überblick verliert, sollte das nicht nur als persönliche Unachtsamkeit behandeln. Ein komplizierter Einnahmeplan kann selbst Teil des Problems sein.

Apotheken bieten für bestimmte Patienten eine erweiterte Medikationsberatung bei Polymedikation an. Dabei werden unter anderem Doppelmedikationen, Wechselwirkungen, Anwendungsprobleme und die tatsächliche Einnahme im Alltag geprüft. Die ABDA nennt vergessene Einnahmen ausdrücklich als einen Punkt, der im Patientengespräch zur Beurteilung der Therapietreue angesprochen wird.

Gerade wenn fünf oder mehr verordnete systemisch wirkende Arzneimittel dauerhaft verwendet werden, kann eine solche strukturierte Überprüfung helfen, den gesamten Plan verständlicher zu machen.

Eine vergessene Einnahme muss also nicht automatisch problematisch sein. Entscheidend ist, für das konkrete Medikament richtig zu reagieren und nicht nach einer allgemeinen Stundenregel vorzugehen.

Wenn die Packungsbeilage keine eindeutige Antwort gibt, können Apotheke oder behandelnde Praxis anhand von Wirkstoff, Stärke und Einnahmezeitpunkt konkret weiterhelfen.

Medizinischer Hinweis: Das richtige Vorgehen nach einer vergessenen, verspäteten oder versehentlich doppelten Einnahme hängt vom jeweiligen Arzneimittel ab. Bei zeitkritischen Medikamenten, mehreren ausgelassenen Dosen, einer möglichen Überdosierung oder auftretenden Beschwerden sollte individuell medizinischer oder pharmazeutischer Rat eingeholt werden.

Quellen